2012 Xiaguan Jingmai Tuocha im Test: Die süßere, raffiniertere Seite von Xiaguan

2012 Xiaguan Jingmai Tuocha Review: A Sweeter, More Refined Side of Xiaguan

Xiaguan ist bekannt für fest gepresste Sheng-Pu-Erh-Tees mit viel Charakter. Klassische Tuocha wie Jia Ji und Te Ji werden häufig mit ausgeprägter Bitterkeit, Rauchigkeit und einem recht rauen, schnörkellosen Stil in Verbindung gebracht, besonders in jungen Jahren. Der Xiaguan Jingmai Tuocha von 2012 unterscheidet sich deutlich davon.

Dieser als 100-Gramm-Sheng-Pu-Erh-Tuocha hergestellte und als Jingmai-Blattgut deklarierte Tee bietet eine süßere, weichere und feinere Interpretation des Xiaguan-Stils. Der vertraute Charakter der Fabrik ist noch deutlich genug vorhanden, um seine Herkunft erkennen zu lassen, doch die raueren Kanten sind weitgehend verschwunden.

Nach mehr als einem Jahrzehnt relativ trockener Lagerung hat er sich zu einem interessanten Tee für die Gongfu-Zubereitung entwickelt, insbesondere für Teetrinker, die Xiaguan mögen, aber Eleganz und Süße kräftiger Bitterkeit und Rauchigkeit vorziehen.

Aussehen und Pressung

Der trockene Tuocha macht sofort einen guten Eindruck.

Er besteht aus relativ kleinen, aber weitgehend ganzen Blättern, mit zahlreichen sichtbaren goldenen Knospen auf der Oberfläche. Im Vergleich zu den regulären Jia-Ji- und Te-Ji-Tuocha von Xiaguan wirkt das Blattgut deutlich hochwertiger.

Die Pressung wirkt zunächst, wie von Xiaguan zu erwarten, sehr fest, doch der Tuocha lässt sich überraschend gut bearbeiten. Mit einem Teemesser können ohne übermäßigen Kraftaufwand recht saubere Stücke abgelöst werden.

Noch wichtiger ist, dass sich das attraktive Blattgut nicht auf die Oberfläche beschränkt. Nach dem Aufbrechen des Tuocha sehen auch die Blätter im Inneren weiterhin gut aus. Das ist erwähnenswert, da bei manchen gepressten Tees eine schöne Außenschicht deutlich gröberes Blattgut im Inneren verbergen kann.

Das ist hier nicht der Fall.

Die trockenen Blätter verströmen kaum Aroma; dieser Tee verrät also nicht viel, bevor Wasser hinzugefügt wird.

Ein kleiner Kritikpunkt an der Verpackung

Für eine Schachtel aus dem Jahr 2012 ist die äußere Verpackung sehr gut erhalten. Sie wirkt überraschend hochwertig und verleiht dem Tuocha eine edlere Präsentation als die Alltagsprodukte von Xiaguan.

Die Schachteln sitzen gelegentlich etwas fest. Zum Öffnen muss man sie eventuell ein wenig drehen und hin und her bewegen, doch letztlich ist dies nur eine kleine Unannehmlichkeit.

Das auffälligere Problem befindet sich im Inneren.

Bei einigen Schachteln ist im Inneren der Verpackung gelber Klebstoff sichtbar. Laut Xiaguan ist der Klebstoff lebensmittelecht, und es gibt keine Hinweise darauf, dass er den Tee selbst beeinträchtigt. Dennoch wirkt er nicht besonders professionell und macht den Tee gewiss nicht appetitlicher.

Dies ist kein besonderes Merkmal des Jingmai-Tuocha. Ähnliche sichtbare Klebstoffreste finden sich recht häufig in Tuocha-Verpackungen von Xiaguan, die vor etwa 2014 hergestellt wurden.

Es handelt sich hauptsächlich um einen optischen Mangel, den man jedoch kennen sollte.

Lagerungsgeschichte

Diese Charge wurde durchgehend relativ trocken gelagert.

Er wurde bis 2015 in Dali, Yunnan, gelagert, anschließend von 2015 bis Anfang 2026 trocken in Fangcun, Guangdong. Seitdem wird er unter trockenen Bedingungen in Amsterdam gelagert.

Diese Lagerungsgeschichte liefert einen hilfreichen Kontext, um den Tee heute zu verstehen.

Obwohl er inzwischen mehr als ein Jahrzehnt alt ist, sind die aufgegossenen Blätter überwiegend dunkelgrün, statt vollständig braun geworden zu sein. Der Geschmack ist deutlich weicher geworden, doch der Tee hat sich nicht zu jenem tief gereiften Profil entwickelt, das mit wärmerer und feuchterer Lagerung verbunden ist.

Stattdessen verlief seine Entwicklung allmählich.

Zubereitung des Xiaguan Jingmai Tuocha von 2012

Ein guter Ausgangspunkt für die Gongfu-Zubereitung ist:

  • 6 Gramm Tee
  • 100-ml-Gaiwan aus Porzellan
  • Wasser knapp unter dem Siedepunkt
  • 20 Sekunden spülen

Das relativ kräftige Verhältnis von 6 g pro 100 ml eignet sich besonders gut, um Textur, Aroma und Entwicklung dieses Tees zu beurteilen.

Wer längere Teesitzungen bevorzugt, ohne dabei ganz so viel Tee zu verbrauchen, kann die Menge reduzieren oder ein kleineres Aufgussgefäß verwenden. Ein kräftigeres Verhältnis eignet sich auch gut, wenn mehrere Personen an der Teesitzung teilnehmen.

Da aus einem Tuocha gelöste Stücke meist als kompakte Brocken zusammenbleiben, ist ein etwas längeres Spülen hilfreich. Etwa 20 Sekunden geben den Blättern Zeit, sich vor dem ersten eigentlichen Aufguss zu öffnen.

Für die ersten beiden Aufgüsse eignen sich jeweils etwa 10 Sekunden.

Sobald sich die Stücke gelockert haben, extrahiert der Tee wesentlich schneller. Daher können der dritte und vierte Aufguss auf etwa 5 Sekunden verkürzt werden.

Danach lässt sich die Ziehzeit im weiteren Verlauf schrittweise verlängern.

Aufgüsse 1–2: Floral, süß und überraschend sanft

Schon die ersten Schalen zeigen unmittelbar, was diesen Xiaguan so ungewöhnlich macht.

Der Aufguss ist floral und süß, bewahrt darunter jedoch einen unverkennbaren Xiaguan-Charakter.

Ebenso interessant ist, was weitgehend fehlt.

Von der kräftigen Bitterkeit, die häufig mit klassischen Jia-Ji- und Te-Ji-Tuocha verbunden wird, ist nur sehr wenig zu spüren, und auch ihre charakteristische Rauchnote tritt bei diesen ersten Aufgüssen kaum hervor.

Für einen Xiaguan wirkt der Tee ungewöhnlich weich.

Seine Textur zählt zu den Höhepunkten. Der Aufguss besitzt eine angenehme Dichte und fühlt sich im Mund leicht haftend an. Dadurch wirkt der Tee deutlich präsenter, als sein zunächst sanftes Aroma vermuten lässt.

Diese Verbindung aus Süße, Textur und Zurückhaltung macht den Auftakt besonders angenehm.

Aufgüsse 3–4: Mehr Süße und ein erster Hauch von Rauch

Beim dritten Aufguss haben sich die komprimierten Stücke größtenteils geöffnet, und die Extraktion erfolgt nun wesentlich schneller.

Eine Ziehzeit von etwa fünf Sekunden sorgt dafür, dass der Tee ausgewogen bleibt.

An diesem Punkt tritt die Süße noch deutlicher hervor.

Schließlich kommt eine leichte Rauchnote zum Vorschein, die mehr vom vertrauten Xiaguan-Charakter erkennen lässt, dabei aber dezent bleibt, statt zu dominieren. Der Rauch bestimmt nicht den gesamten Aufguss, sondern liegt hinter der floralen Süße und verleiht dem Tee zusätzliche Tiefe.

Auch das Cha Qi lässt sich zunehmend kaum noch übersehen.

Nach etwa vier Aufgüssen kann die körperliche Wirkung des Tees bereits deutlich spürbar werden. Trotz seines weichen Geschmacksprofils kann dieser Tee ein recht starkes Teetrunkenheitsgefühl hervorrufen.

Der sanfte Geschmack sollte nicht mit Schwäche verwechselt werden.

Aufgüsse 5–6: Süße mit Zimt

Beim fünften und sechsten Aufguss empfiehlt es sich, die Ziehzeit auf etwa 10 Sekunden zu erhöhen.

Der Tee bleibt durchgehend weich und süß, doch allmählich tritt eine neue aromatische Note hervor: Zimt.

Es handelt sich nicht um einen intensiven würzigen Charakter. Vielmehr liegt unter der Süße ein warmer Hauch von Zimt, der der Mitte der Teesitzung eine zusätzliche Dimension verleiht.

Beeindruckend ist hierbei die Beständigkeit.

Beim vollständigen Öffnen der Blätter gibt es keinen plötzlichen Anstieg von Bitterkeit oder Rauheit. Der Tee bewahrt seine weiche Textur und seinen ausgewogenen Charakter, während er nach und nach verschiedene Aromen offenbart.

Aufgüsse 7–8: Mineralische Noten treten hervor

Wenn die Ziehzeit für den siebten und achten Aufguss auf etwa 20 Sekunden verlängert wird, tritt die Teesitzung in eine weitere interessante Phase ein.

Die Geschmacksintensität lässt insgesamt allmählich nach, doch der Tee ist noch nicht am Ende.

Während die blumige Süße weniger dominant wird, treten mineralische Noten in den Vordergrund. Es zeigt sich eine beinahe felsartige Mineralität, die an das Mundgefühl von Wuyi-Felsentee erinnern kann.

Für einen rohen Pu-Erh von Xiaguan ist dieser Vergleich unerwartet, doch die Ähnlichkeit ist deutlich wahrnehmbar.

Der mineralische Charakter verleiht den späteren Aufgüssen mehr Struktur und verhindert, dass sie lediglich zu dünneren Varianten der früheren Tassen werden.

Nach acht Aufgüssen haben die Blätter noch genug Kraft für etwa vier bis sechs weitere Runden. Ab diesem Punkt können die Ziehzeiten einfach schrittweise verlängert werden.

Aussehen der feuchten Blätter

Die aufgegossenen Blätter sind besonders aufschlussreich.

Selbst nach mehr als einem Jahrzehnt Reifung sind sie überwiegend dunkelgrün und nicht vollständig braun. Zusammen mit dem klaren Geschmacksprofil und der bekannten Lagerungsgeschichte deutet dies auf eine relativ langsame Reifung unter trockenen Lagerbedingungen hin.

Auch die Unversehrtheit der Blätter ist beeindruckend.

Anders als das stark zerkleinerte oder gebrochene Blattgut, das man häufig in klassischen Jia-Ji- und Te-Ji-Tuocha findet, besteht der Jingmai überwiegend aus ganzen Blättern.

Die Blätter sind durchschnittlich etwa 2,5 cm lang.

Das Blattgut scheint größtenteils aus einzelnen Blättern zu bestehen, ergänzt durch einige Pflückungen aus einer Knospe und einem Blatt.

Das feuchte Blattgut bestätigt somit den Eindruck des trockenen Tuocha: Xiaguan scheint hier deutlich ansehnlicheres Blattgut verwendet zu haben als für seine alltäglicheren Tuocha-Rezepturen.

Wie schneidet er im Vergleich zu Xiaguan Jia Ji und Te Ji ab?

Dieser Vergleich ist wahrscheinlich der einfachste Weg, den Jingmai Tuocha von 2012 zu verstehen.

Wer das klassische, aggressive Xiaguan-Erlebnis erwartet, könnte ihn überraschend zurückhaltend finden.

Traditionelle Jia Ji und Te Ji Tuocha zeichnen sich oft durch Bitterkeit, Rauch, Kraft und relativ grobes Blattgut aus. Diese Eigenschaften können gerade nach ausreichender Reifung einen Teil ihres Charmes ausmachen, sprechen aber nicht jeden an.

Der Jingmai schlägt eine andere Richtung ein.

Er bietet intakteres Blattgut, deutlich weniger Bitterkeit, viel weniger Rauch, eine ausgeprägtere Süße und eine dichtere, haftendere Textur. Florale Noten treten stärker hervor, während spätere Aufgüsse Zimt- und Mineralnoten entfalten.

Er schmeckt immer noch nach Xiaguan.

Er wirkt lediglich wie eine ausgefeiltere Ausprägung davon.

Diese Unterscheidung ist wichtig, denn wer gezielt den kraftvollen, rauchigen und bitteren Charakter eines klassischen Xiaguan sucht, könnte Jia Ji oder Te Ji sogar den Vorzug geben.

Der Jingmai ist nicht unbedingt im absoluten Sinne „besser“. Er verkörpert schlicht einen anderen Stil.

Für wen ist dieser Tee geeignet?

Der Xiaguan Jingmai Tuocha von 2012 eignet sich besonders für Teetrinker, die gereiften oder halb gereiften Sheng Pu-Erh mögen, aber nicht unbedingt Gefallen an ausgesprochen bitteren oder rauchigen Tees finden.

Er dürfte besonders diejenigen ansprechen, die Folgendes suchen:

  • Ein süßerer Xiaguan Sheng Pu-Erh
  • Geringe bis mäßige Bitterkeit
  • Nur dezente Rauchnoten
  • Ein dichtes, leicht haftendes Mundgefühl
  • Florale Noten in den ersten Aufgüssen
  • Starkes Cha Qi ohne einen ebenso aggressiven Geschmack
  • Schöne Entwicklung über eine lange Gongfu-Session hinweg
  • Ganzes Blattgut statt des stärker gebrochenen Blattbilds eines üblichen Xiaguan Tuocha

Wer hingegen gezielt die rustikale Bitterkeit, den Rauch und die Wucht eines traditionellen Xiaguan Jia Ji oder Te Ji sucht, könnte diesen Tee beinahe zu zahm finden.

Abschließende Gedanken

Der Xiaguan Jingmai Tuocha von 2012 sticht hervor, weil er eine ruhigere Seite von Xiaguan zeigt.

Er besitzt noch genügend Kraft und Struktur, um seine Herkunft erkennen zu lassen, doch die üblichen rauen Kanten sind abgemildert. Süße tritt an die Stelle eines Großteils der Bitterkeit, der Rauch bleibt im Hintergrund, und im Verlauf der Session entwickeln sich die Aromen allmählich von floralen Noten hin zu Gewürz- und Mineralnoten.

Wer gezielt nach dem kräftigen, rauchigen Auftakt eines klassischen Jia Ji oder Te Ji sucht, wird mit ihm vielleicht nicht glücklich. Für Teetrinker hingegen, die Xiaguan mögen und erleben möchten, was die Fabrik in einem zurückhaltenderen, feineren Stil hervorbringen kann, lohnt es sich, diesen Tuocha zu entdecken.

Vielleicht lässt sich der Charakter dieses Tees am besten in einem kurzen Vierzeiler einfangen:

Frühlingsknospen aus Jingmai, zu einem Tuo gepresst,
nach mehr als zehn Jahren ist kaum noch Rauch geblieben.
Am Gaumen wetteifert er nicht mit der Wildheit der Berge,
Tief im süßen Nachhall zeigt sich das Felsaroma.

Frühlingsknospen aus Jingmai, zu einem Tuo gepresst,
Nach mehr als zehn Jahren ist kaum noch Rauch geblieben.
Am Gaumen wetteifert er nicht mit der Wildheit der Berge;
Tief im süßen Nachhall zeigt sich eine Spur von Felsaroma.

Nicht jeder Xiaguan muss laut sein.

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